Das “Going AWOL” Team Meike und Sally hat das 9-tägige Mountainbike Rennen joBerg2c im April diesen Jahres erfolgreich beendet! Jetzt ist es Zeit noch einmal über unser Abenteuer zu reflektieren und unseren Freunden und Bekannten über unsere Erlebnisse bei diesem Ausdauer-Event zu berichten.

Einen Tag vor Beginn des Mountainbike Etappenrennens sind wir früh morgens nach Johannesburg geflogen. Dort wurden wir von Sally’s Schwester Barbara in Empfang genommen. Als wir bei ihr zu Hause unsere Mountainbikes ausgepackt haben wurden meine Vor-dem-Rennen-Nerven kurz auf die Probe gestellt – auf dem Flug ist der Mantel von meinem Reifen abgegangen und das ganze Dichtungsmittel ausgelaufen. Glücklicherweise haben wir einen Fahrradladen in der Nähe ausfindig gemacht der uns noch kurzfristig weiterhelfen konnte und den Reifen repariert hat. Sally’s Schwager hat am Abend noch ein paar kleine Justierungen vorgenommen und die Nerven waren wieder ruhig. Dann gab es noch ein gemütliches Abendessen und es ging früh ins Bett.

Team AWOL bei joberg2c - vor dem Rennen

Früh am Freitagmorgen hat Barbara uns zum Start in Heidelberg gefahren. Viele Ortschaften im östlichen Teil von Südafrika nach deutschen Städten benannt, das liegt vor allem an den Missionaren die sich dort vor langer Zeit niederließen. Wir waren vor dem Start überraschend ruhig, aber Barbara hatte ernsthaft FOMO (fear of missing out – Angst was zu verpassen). Endlich war es so weit – der Startschuss fiel und 800 Profi- und Amateurbiker rollten über die Startlinie in Heidelberg. Der erste Tag war ein neutraler Tag (alle bekommen die gleiche Zeit) mit 116km auf überwiegend Farmwegen.

awol bei joberg2cDay 1 Karan hill

Der einzige echte Berg – mehr ein Hügel als ein Berg – an diesem Tag war Karan Koppie kurz nach dem Start. Karan Beef ist einer der Hauptsponsoren bei joBerg2c und der größte Fleischproduzent Südafrikas. Den ersten Tag sind wir langsam angegangen um unsere Energie für die kommenden acht Tage zu sparen. Für uns Mountainbiker ging es von der Provinz Gauteng über eine schwimmende Brücke über den Vaal River in den Free State. Wir waren erst etwas nervös wegen der schwimmenden Brücke. Wir sind vorher noch nie über eine drüber gefahren und uns wurde von anderen Mountainbikern erzählt dass die Vaal-Überquerung aus insgesamt drei Brücken besteht die den Fluss in seiner gesamten Breite von 400m überbrücken.

Team AWOL bei joberg2c Maisfelder

Als wir am Fluss ankamen waren wir geschockt – die schwimmende Brücke war von einem Ufer zum anderen nicht einmal 40m lang. Der sonst so mächtige Vaal war nach der heftigen Dürre von 2015/2016 fast ausgetrocknet. Die Bauern leiden sehr unter der momentanen Trockenheit und die Maisfelder um uns herum waren in einem absolut fürchterlichen Zustand.

Team AWOL bei joberg2c Tag 1 Frankfort race village

Die Zeltstadt bei Frankfort School, dem Ziel der ersten Tagesetappe, war einfach unglaublich. Die Bauersfrauen die die Essenstheken bewirtschafteten haben sich mit ihrer Dekoration und den Speisen die allergrößte Mühe gegeben und für jede Diät oder Essensallergie vorgesort.

Team AWOL bei joberg2c Kuhblockade

Für die Profis begann das Rennen an Tag 2. Der Rest von uns genoss das fahren über ländliches und privates Farmland, das man außer auf einem Mountainbike während joBerg2c nie betreten würde. Die ersten drei Tage des Rennens haben nicht viele Singletrails und bestehen aus kilometerfressenden Geländestraßen. Sally liebt Singletrails und für Sie war das lange eintönige Radeln auf den Farmwegen ziemlich anstrengend, aber ich fresse gerne Kilometer mit dem Rad und war wegen zu schnellem Fahren von einem Disziplinarverfahren seitens meiner Chefin nicht weit entfernt. Des öfteren haben auch Kuhherden mal den Weg blockiert.

Team AWOL bei joberg2c Meike mit Wolf

In Reitz, wo das zweite Race Camp aufgestellt war, kamen wir an einer Auffangstation für Wölfe vorbei. Wie Wölfe genau nach Südafrika kamen ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich wurden sie hier gezüchtet um im Krieg und als Wachhunde eingesetzt zu werden.

Team AWOL bei joBerg2c Tag 3 singletrail

Tag 3 von Reitz zum Sterkfontein Damm war kein Spaziergang – die Etappe hatte zwar nicht viele Höhenmeter, war aber wieder sehr lang und wir mussten jeden Meter abstrampeln. Die Highlights des Tages waren der Jabulani Singletrail (Jabulani heißt Freude/Glück auf Zulu) und Mount Paul an der 110km Marke.

Team AWOL bei joberg2c Mount Paul

Der Anblick von Mount Paul, wie er so in der Ferne als einziger Hügel in der Landschaft heraus stach, war beeindruckend. Aber die Aussicht wurde noch besser als wir auf der hinteren Seite des Berges die Singletrails hinauffuhren und in der Ferne die Drakensberge und den Sterkfontein Damm sehen konnten.

Team AWOL bei joberg2c Sterkfontein Damm und Mt Paul im Hintergrund

Dank der hervorragenden Verpflegung und Mahlzeiten in den Camps konnten wir uns jeden Abend beim Dinner wieder gut für den nächsten Tag stärken. Lamm, Karan Beef Steaks und die leckersten Potjies (Eintöpfe) hielten unseren Proteinhaushalt hoch und halfen den Muskeln bei der Regeneration. Koeksisters (Gebäck), Boerie Rolls (sowas wie Bratwurst im Brötchen) und Bananen verhalfen uns zu Energie. Man kann tatsächlich nicht erwarten, bei einem Event wie joBerg2c Gewicht zu verlieren!

Team AWOL bei joberg2c Wasser- und Snackstation

Tag 4 hatte die besten Singletrails, auf denen wir je gefahren sind. Die ersten 25km ging es bergauf zu “Great Wall My China” mitten in den Drakensbergen. Die Trails waren felsig und normalerweise ist das nicht so mein Fall, aber die Auffahrt war Spaß pur! Als wir oben ankamen, war der Ausblick auf Kwa-Zulu Natal und die uns umgebenden Drakensberge so berauschend dass fast jeder Mountainbiker anhielt um Fotos zu machen.

Team AWOL bei joberg2c Tag 4 Drakensberge Great wall my china

Die Abfahrt über den großen Steilhang hinunter in die nächste Provinz – KwaZulu Natal – führte über Solly’s Folly, ein Meisterstück von Singletrail! Spitzkehren, Steilwandkurven, Felsen – der Trail war technisch schon herausfordernd und Sally und ich haben die Singletrails ohne Patzer gemeistert und ich könnte diesen Trail tausendmal hintereinander runterfahren ohne dass mir langweilig werden würde. Dazu die Kulisse der Drakensberge im Hintergrund…was will man mehr? Die Gegend durch die wir gebiket sind ist sehr geschichtsträchtig. Vor 200 Jahren überquerten die Voortrekker mit ihren Ochsenwagen die Drakensberge und Namen wie Retief’s Klip erinnern an die alten Zeiten. Spioenkop ist ein weiteres Wahrzeichen an dem wir vorbeigeradelt sind – hier wurden im Burenkrieg von 1899-1902 Schlachten zwischen Buren und Engländern geschlagen.

Team AWOL bei joberg2c Battlefied climb

Am Ende der Etappe warteten noch mehr geniale Singletrails auf uns und wir befanden uns jetzt in der Savanne. Bone Rattler, Long Drop und Berm City sorgten für richtiges Mountainbiking und wir überquerten die Ziellinie beim Emseni Camp am Tugela River mit breiten Grinsen auf unseren Gesichtern.

Team AWOL bei joberg2c Nottingham Road Wald

Der nächste Tag zu Nottingham Road war lang: 122km und 2200 Höhenmeter! Es war den ganzen Tag über bedeckt und die fehlende Sonne hat mich ziemlich müde gemacht. Einige Gentlemen um mich herum haben mir bergauf ein bißchen Anschub gegeben…blond sein hat eben seine Vorteile. Der erste Versorgungspunkt nach 61km wurde von “Ze Germans” bemannt und ein Stück heimischer Butterkuchen à la Großmutter hat mir nach 61km wieder etwas Leben eingeflößt. Auf den letzten 20km hat es dann auch noch angefangen zu regnen und es wurde bitterkalt. Der letzte Singletrail zum Camp bei der Clifton School führte durch einen Nadelwald, und dort stand mittendrin ein Dudelsackspieler. Die Dudelsackmusik gepaart mit Erschöpfung, Kälte und Nässe hat uns fast zum Weinen gebracht. Die Gastfreundlichkeit in Nottingham Road war einmalig und nachdem wir (nach einem Kurzem Jägermeister) heiß geduscht hatten, ließen wir den Tag an den Feuerstellen mit Rotwein und Schwätzchen mit den Farmen ausklingen.

Team awol bei joberg2c Day 5 Sally bridge

Tag sechs war nochmal ein harter Tag mit 98km und 2000 Höhenmetern. Da wir oft am Tafelberg radeln, dachten wir dass unsere Table Mountain Bikers Shirts uns bei den steilen Anstiegen bei Laune halten würden. Der erste steile Anstieg hieß “Gumtree Climb” – nicht nur benannt nach den Gumtrees um uns herum sondern auch nach der Verkaufswebsite Gumtree, auf der nach diesem Berg viele Mountainbiker ihr Rad verkaufen wollen. Wir behielten unsere Mountainbikes natürlich und strampelten fröhlich zum nächsten Abschnitt purer Singletrail-Freude – Harrison’s Pass führte über viele viele Spitzkehren herab in Stammesland.

awol bei joberg2c meike Day 6 Freedom day Nzinga river (2)

Es war Feiertag in Südafrika – Freedom Day – und viele Dorfbewohner feierten auf den Straßen. Vor allem die Frauen feuerten uns weibliche Mountainbiker an. Unglaublich, wie das Singen und Tanzen von Leuten die man noch nie im Leben gesehen hat einen puschen können! Mit dem Ohrwurm “Shosholoza” ging es “Rock’n’Roll” hinab und dann überquerten wir den sagenhaften Umkomaas River zum ersten Mal.

joberg2c Meike Day 6 Freedom day rock n roll (1)

Über Slow Poison ging es in der Tat langsam bergauf, es schien für immer und immer bergauf zu gehen, aber heute hatte ich für jeden Anstieg genügend Energie und die Sonne schien auch bei 35° auf uns herab. Das heutige Race Camp war in Underberg aufgestellt – auch Name einer deutschen “Medizin”, aber wir blieben bei unserem Jägermeister vor dem Schlafen gehen, um die Bakterien und Viren abzuwehren.

team awol mit nutrider bei joberg2c

Bunte Zuluhütten in tropischer grüner Landschaft waren ein gewöhnlicher Anblick der letzten drei Tage bei Joberg2c. Tag 7, 8 und 9 sind identisch mit Sani2c, einem weiteren populären 3-Tage Etappenrennen in Südafrika. Tag 7 war ein sogenannter “Ruhetag”. Aha. Verglichen mit den Tagen davor war er auch ein Spaziergang im Park, aber er hielt doch unerwartet einige Bergaufs bereit – und mehr sensationelle Schwebebrücken!

awol bei joberg2c Meike auf Schwebebrücke Tag 7

Der berüchtigte Umko Drop erwartete uns an Tag 8, ein fantastischer Tag und mein Favorit nach Tag 4. Die Abfahrt über die Spitzkehren in das Umkomaas River Tal pumpen echt das Adrenalin in die Höhe und die Eventveranstalter hatten uns am Abend zuvor eindringlich davor gewarnt, bei der Abfahrt nicht zu übermütig zu werden. Ironischerweise war es dann Farmer Glen (einer der Veranstalter) selbst, der zur allabendlichen Gesprächsrunde mit Blutergüssen und blutiger Nase auftauchte…nachdem alle Anwesenden gut gelacht hatten gab er zu dass er selbst auf dem Umko Drop etwas übermütig wurde und dann ganz einfach sein Talent zu Ende war. Wir sind halt alle nur Menschen.

awol bei joberg2c Tag 8 Sally Umkomaas

Alle Abfahrt ist schön…aber wir mussten aus dem Umkomaas Tal auch wieder herausradeln, und der Anstieg war nach acht Tagen mountainbiken echt hart. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt!

awol bei joberg2c Sally Day 8 Push of a Climb

Bei Joberg2c ist die Reise wichtiger als das Ziel. Bei diesem Event geht es um die atemberaubende Schönheit von Südafrika und seinen Leuten. Die drei Eventveranstalter Farmer Glen, Gary und Wappo sorgten jeden Abend für gute Unterhaltung und man konnte wirklich merken, wie viel Leidenschaft sie in Joberg2c stecken.

 

team awol Sally und Meike Tag 8 bei joberg 2c Umkomaas

Wir haben auf den neun Tagen einige neue Freunde gewonnen. Zum Beispiel das Ehepaar aus Wartburg bei Pietermaritzburg mit Hühnern auf ihren Shirts und Dom, der Eigentümer des Big Red Barn Bike Parks in Joburg, der alleine Radeln musste weil sein Partner sich noch vor der Startlinie die Hand gebrochen hatte. Oder die Kokstad Brüder, die mich gerettet haben als ich mit plattem Reifen und ohne Pumpe gestrandet war! Und natürlich das legendäre kenianische Tandem-Team “Seeing-Is-Believing”  mit dem blinden Mountainbiker Douglas und seinem Piloten John.

Team AWOL bei joberg2c Day 6 Kenyan seeing is believing blind tandem team

Viele der anderen Teilnehmer die wir entlang des Weges trafen haben bei joBerg2c nicht nur wegen ihrer Leidenschaft für Mountainbiken mitgemacht. Einer der Biker hat das Etappenrennen gemacht, um über den kürzlichen Suizid seines Sohnes hinwegzukommen. Sein Sohn hätte eigentlich sein Teampartner bei joBerg2c sein sollen. Andere machten mit, um zu feiern dass enge Familienmitglieder Krebs oder andere schwere Krankheiten überwunden hatten. Ich denke was man von so einem Ausdauerevent wie joBerg2c lernt ist, dass es immer weitergeht und man nicht aufgeben darf egal wie schwer der Weg grade ist.

Team Going AWOL Sally und Meike bei joberg2c über der Ziellinie bei Scottburgh

Tag 9 – der letzte Tag – war ein super schneller Tag durch die Zuckerrohrplantagen von KwaZulu-Natal, mit mehr Abfahrt als Anstieg runter zur Küste in Scottborough, und heute hatte ich Mühe mit Sally mitzuhalten, die beschlossen hatte es am letzten Tag richtig krachen zu lassen. Jetzt war ich es die ihrer Chefin ein Disziplinarverfahren geben wollte! Die letzte Schwebebrücke über den Indischen Ozean kurz vor dem Ziel hat dann das letzte bißchen Konzentration gefordert, da der Wind hat die Brücke in die eine, die Wellen sie in die andere Richtung bewegt hat. Dann sind wir endlich über die Ziellinie gerollt, haben uns angeschaut und beide gleichzeitig angefangen zu heulen weil die Emotionen einfach übersprudelten: Freude, Erleichterung und auch etwas Traurigkeit weil diese unglaubliche Reise jetzt zu Ende war. Aber vor allem waren es Glückstränen und großer Stolz – wir haben’s geschafft! (Und natürlich nur das Weinen am Ende ist bei Youtube verewigt…)

AWOL bei Joberg2c Meike und Sally Scottburgh finish

Das Joberg2c 9-Tage Mounainbike Etappenrennen ist kein Zuckerschlecken. Alleine vor dem Start fit und bereit zu sein ist eine Leistung. Neun Tage ohne Verletzung, Krankheit, Streitigkeiten und mit intaktem Bike zu vollenden ist ein großartiger Erfolg. Wir haben jetzt einen noch größeren Respekt vor allen Ausdauersportler. Für uns war joBerg2c das Event unserers Lebens und es war eine große persönliche Herausforderung, Südafrikas längstes Mountainbike Rennen erfolgreich zu beenden.

Von Meike Aschenbroich