Viele Reisende sind erst einmal geschockt, wenn sie erfahren dass Touren ins Township in Südafrika angeboten werden. Man denkt zunächst, dass eine Township Tour einem Zoobesuch gleicht und die Reiseveranstalter Profit daraus schlagen, dass Touristen sich die Armut der Bewohner anschauen. So ist es aber ganz und gar nicht….

AWOL Tours bietet seit 2002 Fahrradtouren im Township Masiphumelele an. Die Idee kam durch eine Partnerschaft mit der Non-Profit Organisation BEN zustande (Bicycling Empowerment Network). Zwai, unser Guide, ist ein ehemlaiger Fahrradmechaniker und kümmert sich um unsere Räder und Gäste in Masi. Masiphumelele ist ein relativ kleines Township zwischen Fish Hoek und Noordhoek.

Fahrrad Township Tour Zwai preparing bikes

Nachdem unsere Gäste von unserem allzeit gut gelaunten Zwai in Empfang genommen werden, erklärt er zunächst, wie Masi entstanden ist. Im Jahr 1992 haben sich an dem Ort, der heute Masiphumelele ist und damals Site 5 hieß, 800 Xhosa Männer aus dem Eastern Cape niedergelassen. Damals war noch die Apartheidregierung an der Macht und die Männer wurden tagtäglich von der Polizei von Site 5 verjagt. Aber, wie Zwai mit seinem verschmitzten lächeln erklärt, Afrikaner sind stur und die Männer kehrten jeden Tag nach der Arbeitssuche wieder nach Site 5 zurück. Letzten Endes gab die Regierung nach und die Männer durften offiziell in Site 5 bleiben. Daher stammt der Name Masiphumelele, der auf Xhosa “Erfolg” bedeutet.

AWOL Township Fahrradtour mit Zwai

Erst bauten sie sich Wellblechhütten – genannt “Shacks”, und bekamen nach und nach richtige Häuser die von der neuen Regierung unter Nelson Mandela gebaut wurden. Mandela’s Plan war es, innerhalb von 20 Jahren, also bis 2014, alle Township Bewohner in Häusern unterzubringen, es sollte keine Shacks mehr geben. Dieses Vorhaben ist leider nicht aufgegangen, da durch Landflucht und Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern die Townships nicht genügend Land zur Verfügung haben, um alle Menschen unterzubringen. Wer neu hinzukommt, baut sich erst mal da wo er Platz findet, ein Shack.

AWOL Fahrrad Township Tour Nelson Mandela House in Masiphumelele

Masiphumelele hat heute ca. 65.000 Einwohner und besteht aus einem formellen Teil mit richtigen Häusern und sanitären Anlagen, und einem informellen Teil aus Shacks. Die richtigen Häuser werden Nelson-Mandela-Houses genannt und bestehen aus Küche, Bad, Wohn-und Esszimmer und zwei Schlafzimmern. Die Arbeitslosigkeit in Townships beträgt oft 50% und viele Südafrikaner leben davon, dass sie ihre Häuser als Verkaufsflächen für kleine Shops an Somalis oder Chinesen vermieten, die laut Gesetz keine Grundstücke besitzen dürfen. Nicht selten kommt es vor, dass Südafrikaner in Townships noch ein Shack in ihren Garten bauen und auch dieses an Ausländer als Wohnraum vermieten.

AWOL Tours Fahrrad Township tour

Die meisten Bewohner in Masi stammen aus dem Eastern Cape und sind Xhosa, somit ist Xhosa auch die dominierende Sprache. Xhosa ist auch als die Sprache mit den “Clicks” bekannt, und unser Guide macht sich oft einen Spaß daraus, unseren Gästen die zungenbrecherischen Schnalz- und Klicklaute beizubringen (Link zum Video auf FB hier). Es werden auch andere südafrikansiche Sprachen wie Zulu oder Sotho und Tswana gesprochen. Hinzu kommen Sprachen aus Simbabwe, Somalia, dem Kongo, Nigeria, Malawi… Masiphumelele ist sehr Multi-Kulti und im Zweifel sprechen die Bewohner Englisch miteinander.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour in Masiphumelele

Nachdem wir unsere Sprechmuskulatur etwas überstrapaziert haben, geht es aufs Rad und zu unserem ersten Stop, der Masivelani Kita. Die Kita ist eine inoffizielle Kindertagesstätte, das heißt sie ist nicht registriert und wird nicht von der Regierung unterstützt. Manchmal befinden sich über 60 Kinder in der Kita, um die sich drei Betreuerinnen kümmern. Eine der Betreuerinnen, eine Dame namens Silvia, ist die Gründerin der Kita. Sie war arbeitslos und die berufstätigen Nachbarn mit Kindern fragten sie, ob sie sich gegen ein kleines Entgelt um ihre Kinder kümmern könne. So entstand Masivelani. Die Kinder freuen sich immer über den Besuch unserer Gäste und sind begeisterte Fotomodells – Sonnenbrillen sollte man aber besser verstecken. Von jeder Tour mit AWOL Tours erhält Masivelani eine Spende, von der Spielzeuge und Stifte oder Essen gekauft werden können.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Masivelani

Das Pink Haus in Masi ist ein besonderer Ort, wo Derek oder einer seiner Mitarbeiter uns herumführt. Hier gibt es eine Suppenküche und eine Medikamentenverteilung für Aids/HIV-Infizierte. Das Pink Haus ist ein kleines Gemeinschaftszentrum wo Bewohner über Krankheiten und deren Vorbeugung aufgeklärt werden, und wo Opfer von Gewalt beraten werden. Im Gemeinschaftssaal findet man häufig eine Gruppe älterer Damen, die Schmuck und Mützen herstellen, die man für einen geringen Preis kaufen kann.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Pink House

Hinter dem Pink House befindet sich die Schneiderwerkstatt von Ndileka Biyo. Ndileka ist im Eastern Cape großgeworden und 1986 ihrem Ehemann nach Kapstadt gefolgt. Ihr Mann verlor kurz nach ihrer Ankunft seine Arbeit und Ndileka fand eine Anstellung als Hausmädchen. Um ihr Einkommen weiter aufzubessern, mietete sie sich eine Nähmaschine um nachts Kleidung zu nähen. Eine verheiratete Frau mit zwei Kindern, beschloss Ndileka 1994, die letzten zwei Jahre ihrer Schulausbildung zu beenden. Sie bestand ihr Abitur und wurde an der Cape Peninsula University of Technology angenommen, wo sie Fashion Design studierte. Heute hat sie sich auf Babykleidung spezialisiert, die sie aus Shweshwe herstellt, einem original Stoff aus Südafrika.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour mit Ndileka Biyo

In der Bibliothek von Masiphumelele haben Bewohner die Möglichkeit, durch gratis Computerkurse Zertifikate zu erwerben, die ihnen helfen sollen, eine Anstellung zu finden. Die Bibliothek ist kostenlos für alle Bewohner und die PCs und Bücher stehen immer frei zur Verfügung.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Library

So viel zum modernen Teil der Township-Kultur. Jetzt geht es in den informellen Teil und wir müssen die Fahrräder zurücklassen, denn die Shacks sind so dicht beieinander gebaut, dass man nur zu Fuß durchkommt.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour informeller Teil

Wir besuchen das Haus eines Sangomas, ein traditioneller Heiler (oder afrikanischer Doktor, Medizinmann, Shamane). Hier erfahren wir mehr über die traditionellen Bräuche der Xhosas und welche Rolle ein Sangoma heute spielt. Vor allem die älteren Generationen glauben nur an den Sangoma und gehen nicht zu einem westlichen Arzt, die jüngere Generation nutzt beides oder nur den westlichen Arzt. Wir erfahren auch mehr über darüber, wie man zum Sangoma wird und wie die Xhosas mit ihren Ahnen kommunizieren. Dann wird getanzt und gesungen, und die Sangomas lieben es wenn die Gäste mitmachen. Dies ist zwar nur eine kleine Demonstration davon, was die Sangomas bei ihren drei Tage andauernden Zeremonien machen, aber ganz und gar keine Touristenschau. Oft kommen Nachbarn und wer sonst so vorbeispaziert herein und selbst wenn wir das Haus des Sangomas schon längst verlassen haben, singen und trommeln die Anwesenden noch weiter.

AWOL Tours Fahrrad Township tour Sangoma

Zum Abschluss der Tour gibt es ein traditionelles Mittagessen, entweder bei Nongoloza oder Nonny. Nongoloza ist ein kleines Braai-Restaurant mit Fleischtheke, hier sucht man sich sein Essen aus und es wird dann nebenan auf einem Holzgrill gebraait.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Zwai braaing at Nongoloza

Nonny beherbergt die Gäste bei sich zu Hause. Sie liebt es, uns über die südafrikanische Küche aufzuklären und uns ihren Werdegang zu erzählen. Sie ist eine wahre Powerfrau und sprudelt nur so vor Ideen, außerdem macht sie das beste Chakalaka der Welt! Zu meiner Begeisterung wird sie bald ein Kochbuch veröffentlichen, mit vielen Rezepten aber auch Geschichten dazu.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Nonny

Ein Teil der Toureinnahmen der Fahrradtour durch das Township Masiphumelele gehen an Masicorp, eine Kooperation die lokale Einzelunternehmer wie Ndileka und Nonny bei der Geschäftsgründung helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das besondere an der Fahrradtour durch Masiphumelele ist, dass die Tour privat ist und keine Gruppentour. Dadurch kommen unsere Gäste wirklich in Kontakt mit den Bewohnern und man hat das Gefühl, Masi als Freund und nicht als Tourist zu besuchen.

AWOL Tours Fahrrad Township Tour Sangoma

Da 75% aller Südafrikaner in Townships leben, kann ich diese Tour nur wärmstens empfehlen, wenn man einen authentischen Einblick in den Alltag Südafrikas erhalten möchte.

von Meike Aschenbroich